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Die Begleiter, alle ehrenamtlich dabei, helfen in der Tanzstunde,die richtigen Schritte zu finden und den Takt zu halten
Integration im Walzerschritt
Heimlich still und leise hat sich mit der Tanzgruppe Herde im Hamburger Osten ein Projekt um die Integration von Menschen mit geistiger Behinderung verdient gemacht. Seit 25 Jahren wird hier gemeinsam Walzer, Cha-Cha-Cha und Foxtrott getanzt. Wichtig ist dabei nicht ob jemand eine Behinderung hat oder nicht, sondern die gemeinsame sportliche Betätigung. Text & Fotos: Annette Fahrendorf
Aufrecht steht Tanzlehrerin Aglaia Kaphengst hinter dem Mischpult und zählt den Takt vor. „...und: eins, zwei, drei, eins, zwei, drei“. Im großen Saal der Tanzhochschule des Breitensports in Hamburg-Wandsbek feiert die Tanzgruppe Herde ihr 25-jähriges Jubiläum. Funkelndes Licht spiegelt sich an den Wänden. Auf dem Parkett wirbeln vornehm gekleidete Paare und in der Luft liegt ein Hauch von Parfum und eine große Freude und Stolz. Hier wird schließlich auch ein Vierteljahrhundert gelebte Integration gefeiert. Die meisten der 24 Mitglieder der Tanzgruppe Herde haben ein Down-Syndrom oder eine andere geistige Behinderung. Begeisterte Tänzer sind sie trotzdem. Gemeinsam mit mehr als 20 ehrenamtlichen Helfern trainieren sie einmal wöchentlich Standard- und lateinamerikanische Tänze. Drei bis vier Mal im Jahr tritt die Gruppe öffentlich auf und beweist ihr Können.
Als 1979 Walter Herde, damals Leiter der Tanzschule Herde in Hamburg- Wandsbek bei den Ahrensburger Werkstätten Prospekte packen ließ, wurde er von der Mutter einer dort Beschäftigten gefragt: „Können nicht auch unsere behinderten Kinder bei Ihnen tanzen lernen?“ „Klar“, antwortete er, und die Idee war geboren.
Als Herde dann in die Runde fragte, wer Lust hätte, bei ihm Walzer, Foxtrott und Rumba zu üben, machte die heute 42-jährige Ute Lewerendt ihre 1,51 ganz groß. „Ich“ rief sie und dieser Entschluss hat ihr Leben verändert. Durch die Bewegung nach Musik, geführt von einem Partner, hat sie ihren Körper ganz neu kennen gelernt. Sie ist selbstsicherer geworden, gewandter, auch im Alltag. Beim Tanzen braucht sie längst niemanden mehr, der den Takt vorgibt. Manchmal, wenn ein neuer Helfer da ist, der beim Tango mit den Füßen durcheinander kommt, dann zeigt sie ihm, wie das geht.
Utes Mutter, Karla Lewerendt ist zur zentralen Figur der Tanzgruppe geworden. Sie organisiert Fahrgemeinschaften, koordiniert Termine und sorgt dafür, das jeder der kommen möchte auch kommen kann. Dabei sie hat ein großer Kreis von freiwilligen Helfern zur Seite. Aglaia Kaphengst zum Beispiel, die Tanzlehrerin, die als Helferin für ihren Bruder zur Gruppe stieß und nach dem Ausscheiden von Walter Herde den Unterricht übernahm. Oder Volker Schwab, er war von Anfang an dabei und vertritt Aglaia, so dass wirklich nie eine Tanzstunde ausfallen muss. Für viele Helfer ist das Ehrenamt ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Zum Beispiel Britta Hartmann-Runn. Die zweifache Mutter freut sich auf jede Tanzstunde: „Selbst wenn ich furchtbar gestresst und genervt bin und mich den ganzen Tag nur geärgert habe. Wenn ich hier herkomme, ist das wie weggeblasen.“ Es liegt viel Freude in der Luft an den Übungsnachmittagen und das steckt an.
Die Hilfe von Menschen ohne Behinderung ist für das Projekt unverzichtbar. Denn Menschen mit geistiger Behinderung fällt es gerade am Anfang oft schwer, die richtigen Stepps, den richtigen Rhythmus zu finden. Durch Führung und Unterstützung der ehrenamtlichen Helfer können sie sich ganz auf die Musik und auf die Tanzschritte konzentrieren. „Viele hängen sehr an festen Ritualen und Abläufen“. sagt Tanzlehrerin Aglaia Kaphengst. „Die festen Tanzfiguren geben ihnen Sicherheit“.
Als Therapeutin versteht sich die studierte Sonderpädagogin trotzdem nicht. Denn: „Was wir hier machen ist keine Therapie, sondern gemeinsamer Sport“. Für die Helfer ist das manchmal am Anfang etwas schwierig. „Die Berührungsängste sind bei vielen Leuten immer noch groß“, sagt Kaphengst. „Zum Glück,“ fügt sie hinzu, „haben Menschen mit Behinderung dieses Problem nicht. Die haken neue Tanzhelfer einfach unter und legen los“.
Viele der Tänzer sind auch im Alltag ungewöhnlich gut integriert. Thorsten Mühlenbruch zum Beispiel. Er ist 36. Auch er hat ein Down-Syndrom. Für ihn ist Sport ein wichtiger Ausgleich zu seiner Arbeit als Stationshelfer im Amalie-Sieveking-Krankenhaus. Er schwimmt, er reitet, aber das Tanzen ist ihm am wichtigsten. Jeden Freitag macht er sich schick. Zieht das Jackett und die Tanzschuhe an und dreht sich zu Walzer und Discofox
In die Freude über den Jubiläumsball mischt sich am Ende auch ein wenig Wehmut, denn die Gruppe nimmt Abschied von den gewohnten Räumen in der ehemaligen Tanzschule Herde. Die gehören jetzt der Lebenshilfe und können nicht mehr kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Seit Juni 2004 finden die Übungsstunden im Bürgerhaus Wandsbek statt. Deswegen können auch zur Zeit keine neuen Tänzer zum Projekt stoßen. Der Platz reicht schon für die vorhandenen Paare kaum aus. –
Allerdings ist das Nachahmen durchaus begrüßungswert und die Tanzgruppe Herde gibt ihr Wissen gern an neue Tanzgruppen weiter!<<
www.tanzgruppe-herde.de
Tanzgruppe Herde im Bürgerhaus Wandsbek, Wandsbeker Allee 53, 22041 Hamburg
Freitag 17 bis 18:30 Uhr, Kontakte: Karla Lewrendt, Burgweg 23, 22926 Ahrensburg
Tel./Fax.(04102) 55 914, Britta Hartmann-Runn, Tel.(040) 796 38 76
Das 25-jährige Bestehen der Tanzgruppe Herde
war Anlass genug, um einen richtigen Ball zu feiern
Artikel erschienen in Generationen Gestalten urbanes leben in Hamburg und Umgebung 6. Jahrgang~No.3/2004
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