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1995

Pressebericht:
"Aktion Sorgenkind"
Februar 1995

Integration auf der Tanzfläche

Rollstuhltanz erlebt derzeit einen Boom. Es gibt ihn in zwischen in 40 Ländern, in 12 finden sogar Turniere statt. 1998 wird es vielleicht sogar eine Weltmeisterschaft geben. Und nicht nur auf Profi-Ebene ist der Rollitanz eine außerordentlich wichtige gesellschaftliche Sache.

Aber auch geistig behinderte Menschen tanzen gern. In der Hamburger Tanzschule Walter Herde tanzen sie mit.

Heiko Steinmatz aus Bargteheide hat ein Hobby, das für geistig behinderte Menschen immer noch als ungewöhnlich gilt: Der Dreißigjährige, der seit fünfzehn Jahren in den Ahrensburger Werkstätten Honig verpackt, ist leidenschaftlicher Tänzer. Jeden Freitag fährt er mit einem halben Dutzend Kollegen in eine Hamburger Tanzschule. Als Walter Herde vor achtzehn Jahren in einer Hamburger Behindertenwerkstatt Kataloge verpacken ließ, bot er, um sich zu revanchieren, den jungen Leuten einen Tanzkurs an. Und der lief so erfolgreich, daß daraus eine lange Tradition wurde. Herde, der mittlerweile das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement verliehen bekam: "Ich sehe die Menschen nun aus einer anderen Perspektive. Früher wurden diese Menschen versteckt.

Durch das Tanzen sind sie zu selbstbewußteren jungen Leuten geworden." So erinnert sich Herde an einen schwerbehinderten jungen Mann, der nach einem Motorradunfall schwere Kopfverletzungen erlitten hatte. Vor diesem Unfall war er ein sehr guter Tänzer gewesen und fand durch die Tanztherapie wieder neuen Lebensmut. Daß Musik und Tanz auf die geistig behinderten Teilnehmer eine starke körperliche und geistige Entkrampfung bewirkt bestätigen Herde auch Angehörige und Ärzte. Viele konnten nach einem Tanzkursus ohne fremde Hilfe zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel benutzen.

Das bestätigt auch Karla Lewerendt, deren Tochter Ute von Anfang an dabei ist: "Unsere Kinder haben alle sehr viel Spaß am Tanzen und sind inzwischen auch voll integriert."

Die geistig behinderten Teilnehmer in Herdes Kursen sind zwischen 18 und 40 Jahre alt. Einige von ihnen sind mittlerweile so gut, daß sie miteinander tanzen können. Für alle anderen gibt es nichtbehinderte Tanzpartner. Tanzschüler aus den anderen Kursen, aber auch eine Gruppe von Schüler und Studenten, die schon seit Jahren mitmachen, beteiligen sich an diesem Projekt. Einer von ihnen ist Stefan Gagelmann. Sein Engagement macht ihm großen Spaß: "Auch wenn es bei unseren Partnerinnen und Partnern zehnmal so lange dauert, bis sie die Bewegungen richtig koordinieren und die Füße richtig setzen können: Das Erfolgserlebnis ist riesengroß." Inzwischen ist die Gruppe so zusammengewachsen, daß sie auch außerhalb der Tanzschule schon mal Ausflüge unternimmt.